Die Dunkle Loge

Die Dunkle Loge 1 - Gläserner Mauern

Evelin ist gerade ihrer persönlichen Hölle entkommen. Von Folterung, Misshandlung und dem Verlust ihrer Schwester gepeinigt, begegnet sie ausgerechnet in dem Moment, als sie sich das Leben nehmen will, dem attraktiven Millionär Adrian Lorain - und dieser hat andere Pläne mit ihr.

Der dominante Master Adrian ist fasziniert von Evelin und auch sie spürt eine starke Anziehungskraft zu ihm. Aber ihre Zerrissenheit und Angst machen es ihr schwer, wieder Vertrauen zu fassen und sich devot fallen zu lassen. Adrian gelingt es, trotz ihres Misstrauens hinter Evelins Fassade zu blicken und ihre süße Unterwerfung hervorzulocken.

Doch während ihre Gefühle im Chaos versinken, hat der Schatten der Vergangenheit sie bereits wieder eingeholt …

Ein romantischer BDSM-Roman.


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Eine Bewegung neben ihr riss sie aus ihren schauerlichen Gedanken. „Miaaauuu.“

Eine dicke Katze mit rotem, langem Fell und zuckendem Schwanz saß am offenen Fenster und schaute sie aus schmalen, bernsteinfarbenen Augen an. Blinzelnd versuchte Evelin, ins Hier und Jetzt zurückzukehren und ihren schnellen Herzschlag zu beruhigen. Eine Panikattacke würde ihr jetzt auch nicht weiterhelfen.
Der kleine Löwe hatte Ähnlichkeit mit der Katze ihrer Oma. Clara war jedoch um einiges schmaler gewesen. Sie hatte es sogar ein paarmal geschafft, dem Besuch das Essen vom Teller zu stibitzen. Mit einem Lächeln im Gesicht streckte sie dem Fellknäuel ihre Hand entgegen.
„Hallo meine Kleine, du bist aber eine Hübsche.“
Das Tier zuckte mit den Ohren, ließ sich genüsslich das angenehm weiche, flauschige Fell am Kinn kraulen und fing an zu schnurren. Bei einem Bellen von draußen drehte sie sich trotz ihrer Leibesfülle behände um, sprang schnell mehrere Fensterbänke herunter und landete mit einem geräuschvollen Plumpsen in einem Strauch. Mit hochgezogenem Schwanz, als wäre es das natürlichste der Welt für sie, so laut zu landen wie ein Düsenjet, stolzierte sie heraus und war im nächsten Moment hinter einer Trauerweide verschwunden.
Umringt wurde die Weide von wunderschönen Blumen und Sträuchern. Sie alle waren ordentlich um sie herum gepflanzt, und doch gab es überall geheime Bereiche, die die Fantasie anregten. Ein kleiner Brunnen, versteckt unter tiefgrünem Efeu, plätscherte unter ihrem Fenster vor sich hin. Sie hätte sich nicht gewundert, wenn der Froschkönig persönlich aus seinen Tiefen emporgekrochen wäre, so märchenhaft war die Ausstrahlung des kleinen Gärtchens. Hinter den hohen Hecken, die es eingrenzten, konnte man den weiteren Garten nur erahnen.
Wo in aller Welt war sie gelandet?
Sie drehte sich um, ging in das Zimmer zurück, und sofort sprang ihr das edle Gemälde wieder ins Auge, welches die komplette Wand über dem Sofa einnahm. Vorsichtig trat sie näher und berührte den verzierten goldenen Rahmen. Er fühlte sich kalt und rau unter ihrer Hand an. Was für ein wunderschönes, anmutiges Kunstwerk.
Das Bild stellte eine verwunschene, traumhafte Szene auf einer Lichtung im Wald dar. Junge Frauen, in kurze, weit flatternde Gewänder gekleidet, tanzten um fünf Männer herum. Jede schien förmlich zu schweben, und der Ausdruck in ihren Gesichtern war sowohl verschmitzt als auch keck. Ein Mann streckte den Arm nach einem der Mädchen aus, aber dieses tanzte geschwind aus seiner Reichweite heraus. Ein anderer hatte ein Mädchen um die Hüfte gepackt und versuchte, sie sich über die Schulter zu werfen. Das feenartige Wesen schien zu lachen, und ein lüsternes Funkeln lag in ihren Augen. Die Männer hatten allesamt ihre begehrlichen, hungrigen Blicke auf die Frauen gerichtet.
Evelin bekam eine Gänsehaut. Das Bild war so friedlich und doch voller Verheißung.
Ein zartes Klopfen an der Tür riss sie aus ihren Gedanken und ließ das Blut schneller durch ihre Venen rauschen.
Plötzlich wurde die Tür geöffnet und eine junge Frau kam herein. Ihre langer Pferdeschwanz leuchtete rot wie Mohnblumen.
„Hallo! Ich hoffe, ich habe dich nicht erschreckt? Dr. Wessler sagte, du würdest bestimmt bis in den Nachmittag hinein schlafen. Wie geht es dir? Ich habe hier ein paar Kleider für dich und hoffe, sie passen, sie sind nämlich von mir.“ Die Frau tippte sich mit dem Finger an das Kinn und begutachtete Evelin einmal von oben bis unten. „Ja, die Sachen müssten dir passen. Nur an der Länge müssen wir noch etwas machen. Adrian wird dir sicherlich bald eigene Anziehsachen besorgen.“
Evelin starrte die Frau mit offenem Mund an. Sofort fiel ihr der Mann mit dem durchdringenden Blick auf dem Dach wieder ein. Fröstelnd rieb sie sich die Arme.
Als hätte die andere Frau ihren emotionalen Wandel mitbekommen, klatschte sie einmal schnell in die Hände. „Tut mir leid. Ich bin eine Plaudertasche.“ Sie warf Evelin ein entschuldigendes Lächeln zu. „Sei unbesorgt, du bist hier in Sicherheit. Adrian ist ein fürsorglicher Mensch. Übrigens heiße ich Liz und freue mich sehr, dich kennenzulernen. Eine weitere weibliche Seele in diesem verruchten Haus ist mir immer willkommen, und ich hoffe, die Blumen gefallen dir. Endlich kann ich in diesem Haus mal Blumenvasen aufstellen. Ich glaube, außer Adrian wissen die anderen Männer die schönen Blüten gar nicht zu schätzen.“
Sie streckte Evelin ihre Hand entgegen, doch diese zögerte. Liz machte einen fröhlichen Eindruck, wie konnte so etwas möglich sein? Sie lebte in einem Haus voller Männer, und mindestens einer von ihnen hatte eine dominante Ader, das wusste Evelin seit dem Zusammentreffen auf dem Dach des Museums.
Evelin schüttelte den Kopf. Komisch, sie schien in diesem Haus zu leben, sie musste wissen, was es bedeutete, aber trotzdem … Sie schien nett und auf eine schusselige Art sympathisch, auch wenn sie redete wie ein Wasserfall. Liz hatte den Kopf leicht zur Seite geneigt und schaute sie mit großen Augen an.
Was soll’s! Vielleicht machte Liz es ihr einfacher zu erfahren, wie sie von hier verschwinden konnte.
Evelin ergriff ihre Hand, und Liz strahlte über das ganze Gesicht. „Es freut mich auch, dich kennenzulernen. Ich heiße Evelin, aber nenn mich ruhig Evi.“
Sollte Liz noch etwas mehr anfangen zu leuchten, befürchtete Evelin, eine Sonnenbrille zu benötigen. Es würde sie nicht wundern, wenn Liz gleich einen Purzelbaum schlagen und einen Freudentanz aufführen würde. Ein Lächeln stahl sich auf Evelins Lippen. Sie hatte diese unbeschwerte Liz schon jetzt lieb gewonnen. Umso schwerer würde es ihr fallen, sie hier zurücklassen zu müssen.
Liz drückte ihr die Anziehsachen in die Arme und beförderte sie zu der anderen Tür in dem Zimmer. Schneller als Evelin es begreifen konnte, hatte Liz sie schon in ein edles Badezimmer geschoben. Helle Marmorwände und eine große runde Badewanne in der Mitte des Zimmers nahmen ihren Blick gefangen.
„Du kannst alles benutzen, was du siehst. Bestimmt möchtest du dich etwas frisch machen. Aber pass bitte auf die Verbände auf. Adrian sagte, sie helfen beim Heilungsprozess und sollen noch draufbleiben.“
Liz wollte gerade die Tür schließen, da drehte sie sich mit einem schelmischen Grinsen auf den Lippen noch einmal um. „Ach, bevor ich es vergesse: Du wirst von Adrian schon erwartet, und er mag es gar nicht gerne, lange warten zu müssen. Es wäre also besser, du sputest dich etwas, denn glaube mir, du möchtest nicht, dass er dich holen kommt.“
Sie zwinkerte Evelin zu und schloss mit einem Ruck die Badezimmertür.
Sofort lief Evelins Fantasie auf Hochtouren. Sein Name war Adrian. Sie sah einen männlichen Schatten, der in das Badezimmer stürmte und sie mit seinen Blicken, die ein Feuer der Begierde in ihr entfachten, an Ort und Stelle festnagelte. Seltsamerweise spürte sie bei dem Gedanken nicht nur Grauen, sondern auch ein leichtes Prickeln zwischen den Beinen. Etwas, das sie schon seit langer Zeit nicht mehr gespürt hatte.
Evelin entglitten die Anziehsachen, die nun auf dem schwarzen Fliesenboden landeten.
Das durfte doch alles nicht wahr sein.
Sie vergrub das Gesicht in ihren Händen.
Womit in aller Welt hatte sie das verdient? Sie hatte doch mit all dem abschließen wollen.
Evelin ging müde zum Spiegel über dem elfenbeinfarbenen Waschbecken. Sie sah schrecklich verwahrlost aus und hatte dunkle Ringe unter den Augen. Nachdenklich schaute sie auf ihre Handgelenke und fing an, die Verbände abzuziehen. Die aufgeschürfte Haut schimmerte rosa und die Striemen an den Handgelenken waren verblasst.
Das letzte Stück des Verbandes fiel ins Waschbecken. Sie fuhr mit einem Finger die Striemen an ihrem Handgelenk nach. Nur ungern dachte sie an die aufgeschürfte, blutige Haut, die unter dem unbarmherzigen Griff der eisernen Handschellen entstanden war. Die Striemen waren inzwischen fast verheilt, und wenn sie Glück hatte, würden keine Narben bleiben. Es schüttelte sie, und sie wollte nichts sehnlicher, als ihre Vergangenheit zu vergessen.
Ein Klopfen war an der Tür zu hören. „Evi, ist alles in Ordnung da drinnen?“ In Liz’ Stimme schwang ein besorgter Unterton mit.
Evelin richtete sich am Waschbecken auf und zog die Schultern zurück. „Ja, alles gut. Ich komme gleich.“
Kampfeslustig schaute sie sich im Spiegel an. Sie versuchte, das angenehme Kribbeln in ihrem Magen zu unterdrücken, das sie empfand, wenn sie an Adrians intensiven Blick dachte. Schnell machte sie ihre Katzenwäsche und zog sich an. Liz hatte ihr eine lockere Bluse und eine weite Leinenhose mitgebracht. Beim Anziehen der Bluse bemerkte sie, dass diese so weit geschnitten war, dass sie den Verband auf ihrem Rücken problemlos verdeckte, ohne sie in ihrer Bewegung einzuschränken. Sie kämmte sich schnell das zerzauste Haar, besah sich noch einmal im Spiegel und ging zufrieden zur Tür.
Evelin würde sich höflich für die Rettung bedanken und sich dann verabschieden. Sie wollte ganz neu anfangen. Weit weg von hier.
Allerdings gab es eine Stimme tief in ihrem Innern, die die Hoffnung nicht aufgeben wollte, dass es vielleicht doch noch ein Happy End für sie geben würde. Aber konnte sie Adrian wirklich trauen? Er war ein dominanter Mann, und sie hatte sich geschworen, sich nie wieder auf einen solchen einzulassen. Allein der Gedanke, ihm gleich gegenüberzustehen, ließ sie ängstlich zittern.

Liz führte sie durch einen großen Altbau. Überall sah man dunkle Holzbalken, die Böden wurden von dicken Teppichen bedeckt und an den Wänden hingen prachtvolle Gemälde. Evelin schaute sie neugierig an, konnte aber keines entdecken, das so wunderbar war wie das in ihrem Zimmer. Ein wenig enttäuscht folgte sie Liz eine Treppe hinunter in eine große Eingangshalle, an deren Decke ein riesiger Kronleuchter hing, wie sie ihn bisher nur im Film Titanic gesehen hatte. Sie bogen in einen der vielen Flure ab. Selbst mit einem Wegweiser würde sie sich im Innern dieses Hauses verlaufen.
Liz stoppte abrupt und blieb vor einer großen Doppeltür stehen. „Du musst allein reingehen. Er erwartet dich. Viel Glück!“
Sie drückte Evelins kalte Hände, um ihr ein wenig Mut zuzusprechen. Mit roten Wangen wandte sie sich danach um und ging wiegenden Schrittes in die entgegengesetzte Richtung weiter.
Evelin spürte, wie ihr die Hitze den Nacken emporkroch und ihre Handflächen zu schwitzen anfingen. Das Herz klopfte ihr bis zum Hals. Was sollte sie nur machen, wenn er genauso schrecklich war wie ihr wahnsinniger Entführer? Evelin wurde plötzlich schlecht. Sie konnte das nicht noch einmal durchmachen!
Im nächsten Augenblick wurde die Doppeltür geöffnet und Evelin sprang erschrocken zurück, wobei sie über ihre eigenen Füße stolperte und mühsam um ihr Gleichgewicht kämpfte. Nebenbei nahm sie den Schatten eines großen Mannes wahr, der sie überragte.
„Was zum …! Wieso stehen Sie vor meiner Tür wie ein festgefrorener Eiszapfen?“
Evelin erkannte die Stimme wieder.
Sie konnte die Balance nicht mehr halten und landete unsanft auf dem Hosenboden. Fluchend rieb sie sich den schmerzenden Hintern und zog dabei eine Grimasse, die einem kauenden Lama alle Ehre gemacht hätte.

Verdammt was für einen köstlichen Anblick sie bot.
Adrian musste sich schwer zusammenreißen, um nicht in schallendes Gelächter auszubrechen. Wie die junge Frau dort vor ihm auf dem Boden saß, mit zerknirschtem Gesicht und der viel zu großen Hose, war sie ein Bild für die Götter. Seine Blicke glitten wissend über ihre hübschen Kurven und die üppigen Brüste, die sich ihm unter der Bluse verführerisch und neckend entgegenstreckten. Ihr Arsch hatte nun schon ungewollt einen Vorgeschmack seiner zukünftigen Erlebnisse erfahren. Adrian würde es lieben, ihren Hintern erst in einen zarten Rosaton und dann in ein dunkleres Rot zu färben. Bei dem Gedanken juckte es ihn in den Fingern, denn eines war klar, so schnell würde er seine Amazone nicht mehr gehen lassen.
Wann hatte er das letzte Mal so über eine Frau nachgedacht? Die kleine Amazone war nicht nur wie ein Tornado in seinen Verstand gefegt, sondern auch auf direktem Wege in seinen Schwanz.
Schnell sammelte er sich und half der jungen Frau auf die Beine. Zögernd legte sie ihre Hand in seine.
„Das tut mir wirklich leid, ma chérie. Hätte ich gewusst, dass Sie wie eine Biene am Honig an meiner Tür festkleben würden, hätte ich mich natürlich erst bemerkbar gemacht, bevor ich die Tür öffnete.“
Evelin warf ihm einen vernichtenden Blick zu.
Oh, wenn Blicke töten könnten.
Wenn alles nach Plan verlief, würde sie es sich schon bald zweimal überlegen, ihn so anzufunkeln.

Er stand dicht vor ihr und sie nahm einen feinen Geruch nach Moschus und Blumen wahr. Evelin konnte ihn nun das erste Mal richtig in Augenschein nehmen. Er war einen Kopf größer als sie und hatte schwarze Haare, die im Nacken von einem Zopf gebändigt wurden. Sein dunkelblaues Hemd hatte er lässig über seiner Jeans hängen. Die obersten Knöpfe waren geöffnet und gaben ein Stück gebräunter Haut frei. Da er sie fast mühelos den Dachvorsprung hochgezogen hatte, wusste sie, dass er einen durchtrainierten Körper hatte. Als sie in sein markantes Gesicht sah, wurde ihr Blick von den sturmgrauen Augen gefangen genommen, die sie schon auf dem Dach in ihren Bann gezogen hatten. Evelin schluckte mühsam und merkte, wie ihr die Röte ins Gesicht stieg. Sie fühlte sich ertappt. Schnell senkte sie den Kopf, spürte seine Aufmerksamkeit aber immer noch auf sich gerichtet.
„Nun, nachdem Sie mich augenscheinlich bis ins kleinste Detail begutachtet haben, würden Sie bitte eintreten?“ Galant hielt er ihr eine der mit Schnörkeln verzierten Türen auf.
Schnell umrundete sie ihn, um aus seiner Reichweite zu kommen. Wie ein verschreckter Hase, der versuchte, vor dem Fuchs zu fliehen, schlug sie einen Haken und verschwand in seinem Büro, nicht ahnend, dass sie gerade die Fuchshöhle betreten hatte. Sie saß in der Falle.
Evelin meinte, den Mann amüsiert lächeln zu sehen, doch im nächsten Moment hatte er seinen durchdringenden Blick auf sie gerichtet. Seine Mimik gab keines seiner Gefühle preis. Somit hatte sie keine Möglichkeit, ihr Gegenüber einzuschätzen.
Evelin wischte sich unauffällig die schweißnassen Hände an der Hose ab. Sie versuchte, ihrem Herzen zu befehlen, endlich ruhiger zu schlagen. Ein auswegloses, zum Scheitern verurteiltes Unterfangen.
Sie musste jetzt unbedingt einen klaren Kopf behalten. Nur nebenbei nahm sie die hohen Bücherregale wahr, die zu beiden Seiten die Wände einnahmen. Ihr Fokus lag auf dem Mann, der, ihr den Rücken zugekehrt, am Fenster stand und scheinbar gelassen in den großen Garten dahinter blickte. Seine breiten Schultern luden zum Anlehnen ein. An diese konnte man sich bestimmt anschmiegen und den Rest der Welt vergessen, während man sich sorgsam beschützt fühlte. Es schien ihr wie eine Ewigkeit, in der ihr das Blut in den Ohren rauschte, bis er endlich zu sprechen anfing. Sie war so in Gedanken versunken, dass sie es beinahe nicht mitbekommen hätte.
Blinzelnd richtete sie sich ein wenig mehr auf. „W… wie bitte?“
Verdammt, sie musste sich unbedingt konzentrieren. Warum fiel es ihr nur so schwer, ihre Gedanken zu ordnen?
Er drehte sich um und sah sie mit einem strengen Blick an. „Ich hatte Sie gefragt, wie es Ihren Verletzungen geht. Meine Ärztin hat Sie untersucht und behandelt, als Sie bewusstlos waren. Durch den abgefangenen Sturz haben Sie im linken Arm eine Muskelzerrung davongetragen. Was die anderen Verletzungen auf Ihrem Rücken und an den Handgelenken angeht, würde ich gerne von Ihnen hören, woher sie stammen.“
Er ließ sie keinen Augenblick aus den Augen.
Evelin schluckte hart. Ein bitterer Geschmack lag ihr auf der Zunge. Sie vertraute diesem Mann nicht. Wie sollte sie ihm da von dem grauenhaften Albtraum erzählen, den sie durchgemacht hatte?
Sie hob entschlossen den Kopf und sah ihm ins Gesicht. „Das geht Sie nichts an!“
Bevor sie einem unbekannten Mann von ihrem Martyrium erzählte, sollte sich der Boden unter ihren Füßen auftun und sie im Ganzen verschlingen. Sie würde nicht noch einmal so leichtgläubig sein und einem fremden Kerl vertrauen.
Sie registrierte, wie sich eine seiner Augenbrauen nach oben wölbte. Evelins Mund fühlte sich wie ausgedörrt an und sie befeuchtete ihre trockenen Lippen mit der Zunge.
Sein Adlerblick folgte jeder ihrer Bewegungen.
Als hätte jemand einen Schalter umgelegt, war plötzlich eine elektrische Spannung im Raum zu spüren. Ihr war, als wenn sie über einem lodernden Vulkan stehen würde, der jeden Moment ausbrechen konnte, um sie mit seinem Feuer zu verschlingen.
Evelin setzte ein gezwungenes Lächeln auf und fokussierte den Schreibtisch. Sie wusste nicht, ob sie seinem Blick standhalten konnte. „Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Ich danke Ihnen für meine Rettung, aber nun möchte ich mich von Ihnen verabschieden. Ich habe nicht vor, Ihre Zeit weiter in Anspruch zu nehmen.“
Nervös blinzelnd schaute sie ihn an. Adrian beobachtete sie eine Weile schweigend. Sein Blick reichte tief und brannte sich in ihr Innerstes. Evelin spürte, wie sich diese verdammte Hitze zwischen ihren Brüsten und in ihrem Geschlecht ausbreitete. Sie konnte fühlen, wie die Feuchtigkeit zwischen ihren Schenkeln zunahm.
Warum reagierte ihr Körper immer noch so auf Dominanz?
Wie konnte er sie so hintergehen?
Sie hoffte sehnlichst, ihr Gegenüber würde es nicht merken, wusste jedoch, dass diese Hoffnung nur das bleiben würde, was sie war, nämlich eine Illusion. Wenn er wirklich aufmerksam war, würde er ihr jede Gefühlsregung an der Nasenspitze ablesen können.
Der Gedanke, dass jeder in ihr lesen konnte wie in einem offenen Buch, behagte ihr gar nicht. Nervös kaute sie auf ihrer Lippe herum und begann, ihre Hände zu kneten.
Der Mann stützte sich mit den Armen auf seinem Schreibtisch ab und beugte sich zu ihr vor. Sein Hemd spannte sich über zwei muskulösen Armen, und seine Augen glitzerten gefährlich.
„Und was genau bringt Sie zu der Annahme, dass ich Sie nach der ganzen Geschichte einfach gehen lasse? Sie wollten sich vom Dach stürzen und haben sich aufgeführt wie eine Verrückte. Mal abgesehen davon, dass Sie noch verletzt sind.“
Mit einem langsamen, fast schleichenden Gang kam er um den Tisch herum und lehnte sich mit verschränkten Armen ihr gegenüber an den Schreibtisch.
Sie biss sich unbewusst auf die Lippen. Stand ihr jetzt etwa eine Moralpredigt bevor? Evelin musste an ihre Schulzeit zurückdenken, denn er verhielt sich wie ein Lehrer, der gleich mit seiner Strafpredigt anfangen würde. Seltsamerweise entlockte ihr der Gedanke ein Schmunzeln. Ihr ehemaliger Lehrer, Herr Jackson, hatte sich mehr als einmal die Zähne an ihr ausgebissen. Er hätte ihrem jetzigen Gegenüber in Sachen Attraktivität und Ausstrahlung jedoch keinerlei Konkurrenz machen können.
„Ich sage Ihnen, wie es weitergehen wird.“ Damit unterbrach er ihren erheiternden Gedankengang. „Sie bleiben so lange mein Gast, bis Ihre Verletzungen verheilt sind und Sie mir erzählt haben, was Ihnen widerfahren ist.“
„Nein!“
Es fehlte nicht viel und sie hätte wie ein trotziges Kind mit den Füßen gestampft. Was bildete sich dieser Lackaffe eigentlich ein? Er konnte sie doch nicht gegen ihren Willen festhalten. Der Kerl hatte ihr Leben gerettet und glaubte jetzt, über sie bestimmen zu können? Wenn er sich da mal nicht täuschte!

***

Adrian konnte in der Frau lesen wie in einem offenen Buch. Ein großer Vorteil und ein Muss, wenn man sich, wie er, Master nennen wollte.
Er ging langsam auf sie zu.
Evelin wich wie ein erschrockenes Reh vor ihm zurück und stieß irgendwann mit dem Rücken an eines der Bücherregale. Sie konnte nicht weiter.
Mit unbewegter Miene stützte er sich mit den Händen links und rechts neben ihrem Kopf ab. Sein Gesicht war nur noch wenige Zentimeter von ihrem entfernt.
Evelin hielt die Luft an. Sie hatte keine Möglichkeit, sich ihm zu entziehen.
„Sie werden in meinem Haus als Gast bleiben, solange ich es will. Ich glaube kaum, dass sie ansonsten der Polizei erklären wollen, warum sie von einem Dach springen wollten. Die würden sie schneller, als sie Nein sagen könnten, in die Psychiatrie einweisen lassen, was sicherlich nicht in Ihrem Sinne wäre.“
Er hatte leise gesprochen, nahezu gefährlich leise. Sein Blick glitt über ihr Gesicht. Große grüne Augen blickten ihn unsicher an.
Er schaute tiefer und seine Augen blieben an ihren Lippen hängen. Adrian konnte den Blick nicht von ihnen lösen. Sie sahen so unendlich weich aus, und er konnte es kaum erwarten, dass sie sich um seinen Schwanz legten.

Die Dunkle Loge 2 - Sinnliche Ketten

Erniedrigung, Angst und Gewalt sind Madeleines ständige Begleiter. Als Sklavin der Dunklen Loge ist sie fest entschlossen zu entkommen, um nicht gefoltert, seelisch gebrochen und anschließend von der Loge getötet zu werden.

Als sie dem dort Undercover ermittelnden Falco in die Arme stolpert, spüren beide eine sofortige starke Anziehung zueinander, die ihre Flucht auf eine gefährliche Probe stellt. Kann Madeleine Falco wirklich vertrauen, oder spielt die Loge ein perfides Spiel mit ihr?

Falco hat alle Mühe der mutigen Rebellin zu widerstehen, und so finden sich beide in einem Drahtseilakt aus Dominanz und Unterwerfung wieder.
Madeleine und Falco ahnen nicht, dass die Loge längst ein Netz aus Intrigen und tödlicher Bedrohung um sie geschlungen hat …

Ein romantischer BDSM-Roman.

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Zitternd schlüpfte sie aus dem Haus und schloss den Durchgang hinter sich. Einen kurzen Moment lang gönnte sie sich den Luxus und lehnte sich mit wackeligen Beinen an die Hauswand. Sie hatte es geschafft, sie war draußen! Der Mond stand am Himmel und sandte einen sanften Schimmer aus. Tief atmete Madeleine durch und versuchte, sich zu orientieren. Der verwilderte Garten lag zu ihrer linken und dahinter der Wald, in den sie fliehen wollte. Geduckt lief sie an der Mauer entlang, bereit, jederzeit hinter der Hecke in Deckung zu gehen. Plötzlich hörte sie ein Knirschen. Wie aus dem Nichts tauchte ein Schatten vor ihr auf, stürzte sich auf sie und nagelte sie an der Hauswand fest. Ihr erster Impuls war es, zu schreien, was sie sich aber gerade noch verkneifen konnte. Was hätte es ihr gebracht? Sie würde lediglich alle anderen aufwecken. Wenn sie es nur mit einem Wachmann zu tun hatte, wäre es ihr eher möglich zu entkommen, als bei einer ganzen Meute von Logenmitgliedern. Sie spannte ihre Muskeln an, bereit, jeden Moment um sich zu schlagen.
„Madeleine Marten, ich wusste, dass du noch einige Überraschungen für mich parat haben würdest.“
Madeleine erstarrte. Bis in ihre Träume hatte diese Stimme sie verfolgt. Sie entspannte ihre geballten Fäuste und schaute dem Mann, der so nahe bei ihr stand, ins Gesicht. Er lehnte sich zurück, und das Mondlicht zeichnete Falcos maskuline Züge nach. Madeleines Herz war gefühlt mehrere Sekunden stehengeblieben, nur um bei Falcos Anblick wieder wie verrückt zu pochen. Zu ihrer Schande musste sie sich eingestehen, dass es nicht vor Angst schneller schlug.
„Was machst du hier?“
Seine körperliche Nähe und das Gefühl von rasenden Schmetterlingen in ihrem Bauch ließen sie das Atmen vergessen. Falco strahlte eine unglaubliche Hitze aus, oder war sie es, die durch die Berührung lichterloh brannte? Mühsam schluckte sie und trotz des kühlen Windes spürte sie, wie sich ein Feuer in ihr ausbreitete, das sie jeden Augenblick zu verschlingen drohte. Wie eine Motte vom Licht, so fühlte sie sich von ihm angezogen. Dass sie sich dabei fürchterlich verbrennen konnte, war ihr bewusst, aber er hatte etwas an sich, das sie magisch anzog. Falco verkörperte die Art Mann, um die sie früher einen großen Bogen gemacht hatte. Sein Piercing, die Tattoos und sein dominantes Auftreten wären die Gründe gewesen, sie hinter der nächsten Ecke in Sicherheit huschen zu lassen. Doch hier und jetzt glaubte sie nicht, ihm entkommen zu können. Und wenn sie tief in sich hineinhorchte, wollte sie das auch gar nicht. Sie sehnte sich danach, sich treiben zu lassen, den friedlichen Augenblick zu genießen, in dem sie nicht für ihr Verhalten gedemütigt oder schikaniert wurde. Bei Falco fühlte sie sich geborgen, als würde sie auf dem salzigen Wasser des Meeres schwimmen. Mit der Gewissheit, dass er sie jederzeit in seine rettenden Arme schließen würde. Ihr Bauchgefühl sagte ihr, dass sie ihm vertrauen sollte, doch ihr Verstand warnte sie eindeutig davor, ihren Gefühlen nachzugeben. Das Bild von Cassandras Lippenstift an seinem Mund brannte ihr noch zu deutlich im Gedächtnis. Sie wusste nichts über Falco und kannte ihn erst seit ein paar Tagen. Was wäre, wenn er doch zur Loge gehörte? Schließlich hatte er mit Cassandra geknutscht, und welcher normale Mensch arbeitete schon für eine Gemeinschaft wie diese Loge? War Falco vielleicht ein Psychopath und spielte nur mit ihr? Trotzdem konnte sie nicht leugnen, dass er sie neugierig machte. Ein Teil von ihr wollte wissen, wie es sich anfühlte, von so einem Mann begehrt zu werden, in seiner alleinigen Aufmerksamkeit zu stehen und alles zu sein, wonach es ihn verlangte. Sie spürte ein elektrisierendes Knistern zwischen ihnen, wie ein lodernder Funke, der von einem zum anderen übersprang und sie von Kopf bis Fuß vibrieren ließ. Er war ihr so nahe, ein glühendes Feuer in der kalten Herbstnacht. In diesem Augenblick sehnte sie sich danach, sich an ihn zu schmiegen, ihre Nase in seinem Hemd zu vergraben und den beruhigenden Geruch tief einzuatmen.
Ein leises Hüsteln riss sie aus ihren Fantasien. Heftig stieß sie Falco gegen den Brustkorb, doch er rührte sich keinen Zentimeter. Es machte sie wütend, dass sie den Männern unterlegen war. Nur weil sie körperlich stärker waren, glaubten sie, über die Frauen bestimmen zu können. Madeleine holte tief Luft, die Kühle der Nacht half ihr aus dem benebelten Zustand heraus.
„Komm nicht näher! Ihr seid alle gleich. In dieser Loge sind nur Verrückte, Entführer und Psychopathen.“
Bei jedem Wort bemerkte sie einen Stich, wie von einer Nadel, aber wesentlich schmerzhafter, denn die Spitze traf genau ihr Herz. Verdammt, wieso reagierte sie so auf ihn? Er gehörte zur Loge, war ein Mistkerl, der mit Cassandra rumknutschte und wer weiß was machte. Sie durfte nichts für ihn empfinden. Er war ihr Feind, schließlich arbeitete er für die Loge. Wütend auf sich selbst fing sie an, gegen seine Brust zu trommeln.
„Ich will hier weg. Ich werde mich nicht von euch brechen lassen. Ich haue von hier ab, und du wirst mich nicht aufhalten.“
Sie spürte, wie heiße Tränen hinter ihren Lidern lauerten. Auf einmal war ihr alles zu viel, das Anwesen, die Loge und die verwirrenden Gefühle, die sie für Falco empfand. Sie wollte weg von hier und alles vergessen. Und nun war sie ihm direkt in die Arme gelaufen. Ihr ganzer Fluchtplan war in einer Sekunde vereitelt worden und eine zweite Chance würde sie nicht bekommen. Ihre verzweifelte Lage wurde ihr mit einem Hammerschlag bewusst und beinahe wäre sie durch die Last in die Knie gegangen.

Falco spürte, dass Madeleine einem Zusammenbruch nahe war. Sie hatte zu viel Schlimmes in zu kurzer Zeit durchgemacht, und die Gefangenschaft in diesem Haus trug nicht gerade dazu bei, ihre Lage zu verbessern. Ihr Verstand war von all den schrecklichen Eindrücken überfordert. Schnell ergriff er ihre Hände, doch das stachelte sie nur noch mehr an, sich gegen ihn zu wehren. Ihre Stimme wurde lauter. Plötzlich sah er aus dem Augenwinkel einen umherschwenkenden Lichtschein um die Ecke biegen.
„Sei still Madeleine, da kommt die nächste Wache.“
Doch sie dachte gar nicht daran, ihm zu gehorchen. Etwas, wofür er sie am liebsten mit Schlägen auf ihren süßen Hintern bestraft hätte. Das Licht kam näher und war nur noch wenige Meter von ihnen entfernt. Er ging einen Schritt vorwärts und presste sie an die Mauer. Überrascht keuchte sie auf. Diesmal war sie fest zwischen der Wand und seinem Körper eingeklemmt. Bevor sie etwas sagen oder den sehnsüchtigen Blick in ihren Augen verbergen konnte, hatte Falco seinen Mund auf ihren gepresst. Er fühlte, wie sie sich versteifte, und versuchte, sich von ihm loszumachen. Ihre Kräfte reichten nicht aus, um ihn zur Seite zu schieben. Er nutzte diesen Vorteil aus und ließ seine Zunge in ihren Mund wandern, strich über ihre Zähne und begann, ihre heiße Mundhöhle zu erkunden. Madeleine, mit ihren funkelnden Augen und ihrer rebellischen Ader, ließ eine Seite ihn ihm erklingen, die er noch nie gefühlt hatte. Er verschloss ihren Mund mit seinem, sodass nicht das kleinste Geräusch herausdringen konnte. Ihre Finger krallten sich in seine Arme. Madeleine brachte etwas in ihm zum Vibrieren, ein Gefühl, das er vor langer Zeit verloren geglaubt hatte. Seit einigen Jahren praktizierte er BDSM, war ein Master und hatte nie mehr als sexuelle Befriedigung bei einer Session erwartet. Er schenkte seinen Gespielinnen körperliche Erfüllung, aber sein Herz blieb unberührt. Doch hier und jetzt wollte er Madeleine nicht nur an der rauen Mauer ficken, sondern ihren brennenden Blick auf sich gerichtet wissen. Seine Erektion rieb schmerzhaft in der Hose, und er unterdrückte ein Stöhnen. Es verlangte ihm alles ab, sie loszulassen.

Falcos Lippen ließen ihr keinen Spielraum. Er nahm ihren Mund in Beschlag, als habe er jedes Recht dazu, und es fühlte sich fantastisch an. Gerne hätte sie ihre Hände um seinen Nacken geschlungen, um ihn noch näher an ihren Körper zu ziehen. Es war der intensivste und wunderbarste Kuss, den sie bislang erlebt hatte. Nicht zu vergleichen mit den langweiligen Küssen ihrer Exfreunde. Die Kerle empfanden diesen Austausch von Zuneigung uninteressant, da sie ihnen doch mit ihrem Mund an ihren Schwänzen viel mehr Freude bereiten konnte. Die Romanzen waren eher sexueller Natur und hatten nie lange gehalten. Irgendwann zog sie die Reißleine und machte Schluss. Sie lernte viele Männer kennen und prüde war sie nie, doch der entscheidende Funke, das gewisse Etwas, hatte immer gefehlt. Sie wollte spüren, wie sich der Mann an ihrer Seite nach ihr verzehrte, nicht nur nach ihrem Körper, wie es meistens der Fall gewesen war. Und trotz des Schmerzes, der wie eine Kette jedes Mal ihr Herz zerdrückte, hatte sie sich besseren Wissens gleich in die nächste Liebesbeziehung gestürzt. Das führte unter anderem zum Streit mit ihrer Schwester. Evelin hatte nie verstanden, was es hieß, nach dem schmerzhaften Verlust der Eltern eine ganze Firma übernehmen zu müssen. Ein Unternehmen, in dem man sie als neue Chefin schief ansah und in dem der Männeranteil sehr hoch war. Sie sehnte sich nach einem Partner, einer innigen Beziehung, in der sie sich fallen lassen konnte. Jemandem, der sie aufbaute und ihr Mut zusprach, wenn sie wieder einmal frustriert aus dem Büro kam, weil man ihre Autorität untergraben hatte. Ein schmerzhaftes Zwicken riss sie aus ihren Gedanken.
„Autsch.“ Sie berührte ihre geschwollenen Lippen.
„Habe ich wieder deine volle Aufmerksamkeit, oder war der Kuss so schlimm, dass du geistig abgedriftet bist? Wobei mir scheint, dass dein Körper ganz genau weiß was er will.“
Sie hörte, wie in seinem Ton etwas Dunkles mitschwang, oder war es Ärger? Gerne hätte sie sein Gesicht gesehen, doch im Schatten der Mauer konnte sie ihn nur schemenhaft erkennen. Er entfernte sich einen Schritt, und sie presste sich die Hand auf ihr rasendes Herz. Mit der Zunge leckte sie sich über ihre prickelnden Lippen.
„Die Wache ist weg, ich bringe dich zurück und werde über deinen Fluchtversuch kein Wort verlieren.“
Madeleine sah, wie er sich zum Gehen abwandte. Ohne dass es ihr bewusst war, sprang sie hinter ihm her und klammerte sich an ihn. Sein Duft begann, ihren Verstand zu vernebeln. Sie musste sich zusammenreißen, um nicht nach einem weiteren Kuss zu betteln.
„Nein, ich will nicht wieder da rein.“
Sie konnte nicht widerstehen, schmiegte ihr Gesicht an seinen Rücken und Falco erstarrte augenblicklich.
„Ich setze nicht einen Schritt mehr in das verfluchte Haus. Bitte halt mich nicht auf. Ich kann mich auch erkenntlich zeigen.“
War sie von allen guten Geistern verlassen? Wie weit war sie gesunken, sich ihm an den Hals zu werfen? Der Gedanke, ihn körperlich näher kennenzulernen, war spätestens nach dem Kuss keine schlimme Vorstellung mehr. Vielleicht konnte er ihr sogar von Nutzen sein, um von hier zu fliehen. Falco drehte sich um und grub die Hände schmerzhaft in ihre Schultern.
„Hör mir gut zu, Madeleine. Dieses Haus hier ist besser bewacht als ein richtiges Gefängnis. Du wirst nie alleine von hier wegkommen. Hinter den Wäldern steht ein drei Meter hoher elektrischer Zaun. Dazu kommen weitere Wachen, die am Zaun patrouillieren und den Befehl haben, zu schießen, wenn sich jemand nähert. Versteh doch, du könntest erschossen werden!“
Seine wütende Stimme klang ihr in den Ohren und erschöpft ließ sie den Kopf hängen.
„Ich muss es trotzdem versuchen.“
Das Gesagte kam ihr schwer über die Lippen, und sie musste schlucken. Hätte Falco sie nicht aufgehalten, wäre sie den Wächtern unvorsichtigerweise in die Arme gelaufen.
„Habe ich denn eine andere Wahl, als es wenigstens zu versuchen? Ich muss es riskieren. Ein schneller Tod ist immer noch besser, als hierzubleiben.“
Falcos Griff wurde fester und ihm war anzuhören, dass er angepisst war.
„Sag das noch mal. Du würdest das Risiko auf dich nehmen, erschossen zu werden? Bist du noch ganz bei Trost, Maddie? Du spielst mit deinem Leben und könntest sterben!“
Sie ballte die Hände zu Fäusten und wandte das Gesicht von ihm ab, denn es ließ sich nicht verhindern, dass einzelne Tränen über ihre Wange rollten.
„Natürlich will ich das nicht, aber was soll ich sonst machen? Bald findet das Treffen der Loge statt. Viktor wird mich an diesem Tag missbrauchen, sowohl körperlich als auch seelisch. Ich habe ihn gedemütigt, das wird er nicht auf sich sitzen lassen.“
Sie holte einmal tief Luft. „Ich werde so oder so sterben Falco, keiner kann das verhindern!“
Ein Zittern ließ sie erbeben, und sie klapperte mit den Zähnen. Was Falco dachte konnte sie in der Dunkelheit nicht ausmachen. Seit ihrer Ansprache hatte er sich nicht von der Stelle bewegt.
„Maddie. Verdammt, so war das nicht geplant.“
Die Wut war aus seiner Stimme verschwunden und sie meinte, so etwas wie Resignation herauszuhören.
„Was meinst du damit? Was für ein Plan?“
Sie verfluchte sich für ihren weinerlichen Ton. Falco seufzte laut auf.
„Du musst keine Angst vor mir haben. Ich bin nicht hier, um dir wehzutun.“ Er griff sanft nach ihren Armen.
„Keine Angst. Ich werde dich beschützen, Maddie.“
Bei dem zärtlich gehauchten Kosewort breitete sich eine Gänsehaut auf ihrem Körper aus. Auf einmal war es ganz klar für sie. Sie begehrte ihn, alles an ihr verlangte nach ihm, und ob es nun eine gute Idee war, sich ihm hinzugeben oder nicht, es war ihr in diesem Moment egal. Sie wollte sich keine Sorgen mehr über ihre ausweglose Situation machen müssen. Sein Gesicht befand sich über ihrem und nur die Dunkelheit gab ihr den Mut, auszusprechen, was sie wollte. Sie befeuchtete ihre trockenen Lippen.
„Ich will in diesem Moment bei dir sein.“ Falco stand schweigend vor ihr. Also gut, wollte er mehr hören?
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